
Inspiration KW 09
Februar 26, 2024
Inspiration KW 10
März 6, 2024Einblick in die berufliche Reha
Wer seinen aktuellen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben kann oder die langfristige Ausübung durch die Einschränkungen gefährdet ist, kann möglicherweise durch eine berufliche Rehabilitation die eigene Arbeitsfähigkeit stabilisieren oder aber neue berufliche Perspektiven erlangen.
Das Angebot
Die berufliche Rehabilitation fällt unter die Überschrift „Leistung zur Teilhabe am Arbeitsleben“ und kann folgendes Unterstützungsangebot ermöglichen:
- Individuelle, berufliche Beratung unter Berücksichtigung der Eignung, Neigung, Erfahrung und den Entwicklungen und Prognosen, auch in Bezug auf die Arbeitsmarktentwicklung
- Unterstützung bei der Arbeitsplatzerhaltung
- Aus- und Weiterbildungsangebote
- Maßnahmen zur beruflichen Orientierung und Berufsvorbereitung
- Gesundheitliche Stabilisierung und Motivation
- Berufliche Anpassungen z.B. durch die Unterstützung der Barrierefreiheit
- Gründungsbezuschussung bei geplanter Selbstständigkeit
Auch gibt es Möglichkeiten einer stationären Durchführung, falls die interessierte Person auf medizinische, psychologische oder soziale Dienste angewiesen ist.
Die Voraussetzungen
Eine gesundheitliche Beeinträchtigung, welche dazu führt, dass der aktuelle Beruf nicht mehr oder langfristig nicht mehr ausgeübt werden kann, muss nachweislich vorliegen. Darüber hinaus gibt es weitere Voraussetzungen welche zwar erfüllt werden sollen, jedoch teilweise Ausnahmeregelungen möglich sind. Es lohnt sich also einen Beratungstermin bei der Reha-Beratung zu vereinbaren, um die individuelle Situation zu besprechen. Die Reha-Beratung ist bei der Rentenversicherung und der Agentur für Arbeit anzutreffen.
Zur groben Orientierung lässt sich sagen, dass für eine Beantragung bei der Rentenversicherung eine Mindestversicherungszeit von 5-15 Jahren vorliegen muss. Die genaue Dauer ist von der Art der Maßnahme abhängig. Außerdem sollte die letzte Rehabilitation länger als 4 Jahre zurückliegen. Aber auch hier sind Ausnahmen möglich.
Für Personen welche z.B. auf Lebenszeit verbeamtet sind, sich in Untersuchungshaft befinden oder dessen gesundheitliche Beeinträchtigung durch einen Arbeitsunfall verursacht wurden oder einer Berufserkrankung entsprechen, kommt eine berufliche Reha nicht in Frage, hier können eventuell andere Unterstützungsangebote greifen.
Die Beantragung
Die Antragsunterlagen sind Online bei der Agentur für Arbeit und der Rentenversicherung zu finden. Sollte das Thema von ärztlicher Seite bislang nicht angesprochen worden sein, kann eigeninitiativ nach einer ärztlichen Einschätzung gefragt werden.
Sollte Unterstützungsbedarf beim Ausfüllen der Unterlagen bestehen, kann gerne die Offene Sozialberatung der Hanse-Betreuung oder die Bezugsbetreuung zur Seite stehen.
Die Finanzierung
Bei einer Bewilligung der beruflichen Rehabilitation, müssen keine Zuzahlungen geleistet werden. Der Leistungsträger zahlt ein Übergangsgeld, welches bei einer kinderlosen Person 68% des letzten Netto-Arbeitsgehalts entspricht. Bei Selbstständigen und Erziehungsberechtigten, wird ein höherer Prozentsatz berücksichtigt.
Aber keine Sorge, sollte es sich bei der letzten Anstellung um einen unterbezahlten Übergangsjob gehandelt haben. Der ausgezahlte Mindestbetrag entspricht dem oben genannten Prozentsatz eines fiktiven Gehalts, gemessen an der nachweislich höchsten beruflichen Qualifikation.
Darüber hinaus werden die Reisekosten und ggf. Kosten für eine Haushaltshilfe oder die Kinderbetreuung übernommen. Vorausgesetzt, dass dies ansonsten die Teilnahme an der Maßnahme gefährden könnte. Wichtig ist dabei, den Bedarf von Beginn an zu kommunizieren und im Vorfeld zu beantragen.
Erfahrungsbericht
Heike ist Klientin bei der Hanse-Betreuung GmbH und hat die berufliche Rehabilitation gleich zweimal durchlaufen. Im nachfolgenden Interview erzählt Sie von ihren individuellen Erfahrungen, den Abläufen und ihren Wünschen für die Zukunft.
Hanse Wie sind Sie auf das Thema Berufliche Rehabilitation aufmerksam geworden?
Heike Das war durch meine Ärztin, ich wollte aus meinem alten Beruf raus während ich krank war und wollte nicht wieder dahin zurück. Meine Neurologin hat die Möglichkeit einer beruflichen Reha vorgeschlagen.
Hanse Wie sah der erste Schritt nach der Empfehlung der Neurologin aus?
Heike Online habe ich mir die Unterlagen bei der Rentenversicherung Nord runtergeladen und habe den Antrag dann ausgefüllt und losgeschickt.
Hanse Ist das viel?
Heike Jaa. Sehr viel!
Hanse Was wollen die denn alles wissen?
Heike Das weiß ich jetzt nicht mehr aus dem Kopf. Das waren 6,7,8,9,10 Seiten mit ganz vielen Fragen. Ärzte sollten mit angegeben werden.
Hanse Haben sie den Antrag alleine ausgefüllt oder hatten Sie Unterstützung dabei?
Heike Ich hatte Unterstützung durch meine Eltern.
Hanse Wie schnell ging das dann, dass Sie einen Platz bekommen haben?
Heike Beim ersten Mal habe ich den Antrag im Januar/Februar gestellt. Die Antwort kam, glaube ich, im April. Beim zweiten Mal wurde der Antrag noch direkt während der medizinischen Reha ausgefüllt und direkt im Anschluss habe ich ihn losgeschickt. Die Antwort kam dann relativ schnell, etwa nach 1-2 Monaten. Angefangen habe ich die berufliche Reha dann nach der Orientierung, das war etwa 5-6 Monate nach Antragsstellung.
Hanse Sie haben gesagt, dass Sie davor eine medizinische Reha gemacht haben? War das bei beiden malen?
Heike Nein. Beim ersten Mal war ich krankgeschrieben, habe dann die Wiedereingliederung versucht, das hat nicht geklappt. Dann habe ich gemerkt, dass das nichts mehr ist. Dann habe ich während meiner Krankschreibung die berufliche Reha beantragt. Es stellte sich heraus, dass ich keine drei Stunden am Tag Arbeitsfähig wäre. Es wurde mir geraten entweder die Erwerbsminderungsrente oder eine medizinische Reha zu beantragen und ich habe mich für die medizinische Reha entschieden.
Hanse Wo haben Sie die berufliche Reha gemacht und konnten Sie sich den Ort aussuchen?
Heike Ich habe die berufliche Reha beim Berufsförderungswerk in Hamburg-Farmsen gemacht. Ich habe mir den Ort nicht selber ausgesucht aber ich glaube man hätte auf dem Anmeldebogen einen Wunschort aufschreiben können.
Hanse Wie kann man sich die berufliche Reha vorstellen? Was macht man da?
Heike Erstmal kann man einen Orientierungskurs machen, so wie ich das gemacht habe, wo man, wenn man nicht weiß was man machen möchte, sich erstmal orientiert und wo die Fähigkeiten getestet werden. Man kann Vorbereitungskurse machen, wenn man schon weiß was man machen möchte. Dann kann man Umschulungen oder Qualifikationen machen. Man hätte auch eine unterstützende Wiedereingliederung bei der alten Firma machen und durch die berufliche Reha begleiten lassen können. Man bekommt eine medizinische, psychologische und sozialpädagogische Rundumberatung und Reha-Sport. Wenn man direkt eine Umschulung macht, hat man noch Förderkurse die man besuchen kann. Außerdem hat man eine Integrationsmanagerin die einen bei Bewerbungen und der Berufsfindung unterstützt.
Hanse Sie haben gesagt, dass Sie vorher eine Orientierung gemacht haben. Wie lange hat das gedauert und wie sah die aus?
Heike Bei mir hat das drei Monate gedauert, weil ich eine spezielle gemacht habe, die RehaAssessment Neuro. Die ist extra für neurologisch erkrankte Personen, da dann mehr Tests gemacht werden. Zusätzlich zur Arbeitserprobung, werden da auch noch neurologische und neuropsychiatrische Tests gemacht. Außerdem hatten wir zweimal in der Woche Sport.
Es wird geguckt ob man arbeitsfähig ist und welchen Beruf und welche Aufgaben man schafft. Die eigentliche Orientierung dauert dann nur drei bis sechs Wochen, je nach Bedarf.
Hanse Mit wie vielen Leuten hat man zu rechnen?
Heike Das ist unterschiedlich. Bei der Orientierung waren wir 6-8 Leute, kann aber auch sein, dass das wegen Corona ein bisschen weniger waren. Bei der Qualifikation kommt es immer ein bisschen darauf an, wieviel sich für eine Arbeitsrichtung anmelden. Wir waren ungefähr 10. Meine beste Freundin macht dort gerade eine Umschulung zur Kauffrau im Gesundheitswesen und die sind gerademal 5 Leute.
Hanse Wie ging es für Sie nach der beruflichen Reha weiter?
Heike Ich habe eine Qualifikation zur kaufmännischen Assistenz gemacht. Das ist keine Umschulung, ist also ohne IHK Zertifikat.
Hanse Wie läuft so eine Qualifikation ab?
Heike Die ersten 6 Monate waren direkt im Berufsförderungswerk, jeden Tag von 8 bis 15 Uhr und wir haben dort praxisnah Bürotätigkeiten gelernt. Wir hatten zum Beispiel die Themen: Ergonomie am Arbeitsplatz, Postbearbeitung, Dokumente Management und Office, da haben wir Outlook, Word und Excel trainiert. Nach den 6 Monaten hatten wir ein drei monatiges Praktikum in einem Betrieb.
Hanse Können Sie sich mit der Qualifikation nun im Anschluss auf dem ersten Arbeitsmarkt bewerben?
Heike Ja, genau. Nach dem dreimonatigen Praktikum, hat man noch ein paar Monate in der Schule, in denen das gelernte nochmal vertieft wird. In dieser Zeit bewirbt man sich dann auch auf dem ersten Arbeitsmarkt. Da wo man dann angenommen wird, wird ein Einarbeitungspraktikum gemacht, welches nochmal drei Monate dauert und wenn das gut läuft, wird man übernommen.
Hanse Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, gibt es am Anfang noch ein bisschen Unterstützung für den Betreib und Sie, oder?
Heike Man kann es beantragen. Die drei Monate, also das Einarbeitungspraktikum, ist für den Betrieb kostenlos und für danach könnte der Betrieb Eingliederungszuschuss beantragen.
Nach der beruflichen Reha, hat man noch weiterhin die Möglichkeit Unterstützung zu bekommen, bis man 6 Monate in einem festen Arbeitsverhältnis ist. Man hat dort zum Beispiel auch Sozialberater, wenn es um Geldsachen geht, auch wenn es nicht um die Reha geht. Wenn zum Beispiel Wohngeld beantragt werden muss oder Arbeitslosengeld oder irgendwas Anderes, dann kann man da einen Termin machen.
Hanse Wie ist ihre Gesamtzufriedenheit? Würden sie es wieder tun, mit dem Wissen von heute? Was würden Sie sich anders wünschen?
Heike Ich würde es wieder tun, ja! Aber ich würde hoffen, dass sich mehr organisiert wird. Manchmal, weiß der eine nicht, was der andere tut. Drumherum ist viel Bürokratie, da würde ich mir einen leichteren Zugang wünschen. Die Antragsformulare sind sehr kompliziert, ich hatte zum Glück Hilfe aber ohne Hilfe, kann ich mir vorstellen, dass viele Leute Probleme damit hätten.
Es gab sehr viel Schriftverkehr mit den Kostenträgern, das war umständlich. Aber die sind auf einem guten Weg.
Hanse Haben Sie eine große Erkenntnis auf Grund der beruflichen Reha gewinnen können? Irgendetwas, dass Sie über sich selbst gelernt haben?
Heike Während der Reha habe ich gemerkt, dass meine Sozialphobie besser geworden ist. Die ist jetzt nicht komplett weg, dass merke ich auch an meinem aktuellen Job manchmal, aber es ist nicht mehr so extrem. Ich habe gemerkt, dass ich viel entspannter bin.
Hanse Wo stehen Sie jetzt gerade? Was machen Sie derzeit?
Heike Ich bin gerade in meinem Job und bin da auch ziemlich glücklich.
Hanse Ergänzungen zu dem Thema? Erfahrungen?
Heike Da sind alle nett und helfen einem, man braucht keine Angst haben.
Quellen:
https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Reha/Berufliche-Reha/berufliche-reha.html
https://www.deutsche-rentenversciherung.de/DRV/DE/Reha/Warum-Reha/uebergangsgeld.html
https://www.deutsche-rentenversciherung.de/DRV/DE/Reha/Warum-Reha/voraussetzung-ausschlussgruende.html
https://www.arbeitsagentur.de/menschen-mit-behinderungen/beruflicheRehabilitation




